23. März 2008

center.tv – Mieses Heimatfernsehencenter.tv – Mieses Heimatfernsehen

Gerade läuft auf center.tv Ruhrgebiet eine Fahrt auf der A40, mit lustlosen Einblendungen, grausamer Musik und unterbrochen von Werbung. Im Offenen Kanal Essen haben wir auch Autofahrten gesendet, dann jedoch nur als Füller, um 3-Stunden-Sendebänder (DVCAM) vollzubekommen. Auf center.tv wird diese Autofahrt offenbar als Programm angesehen, sonst gäbe es wohl kaum Werbenunterbrechnungen.

center.tv, die sich selbst als „Heimatfernsehen“ bezeichnen, ist ein Lokalsender, der von Selbstdarsteller Andre Zalbertus bereits in Köln, Düsseldorf und Bremen an den Start gebracht wurde und neuerdings auch die Zuschauer des Ruhrgebiets erreichen möchte.

Bratwurst-SalonBratwurst-Salon

Ein Hauptbestandteil des täglichen Programms ist nicht wie in anderen center.tv-Ablegern ein Infotainment-Programm aus einem klassischen Studio, sondern ein rollendes Studio auf einem Anhänger, dass optisch stark an die Hütten erinnert, die man auf Weihnachtsmärkten finden kann. Das ganze heisst dann „Bratwurst-Salon“ und wird von „Bild“-Kolumnist Martin Lohmann moderiert, der einen Charme und eine Dynamik eines ranzigen Stücks Schmelzkäse verkörpert. Bei dem Versuch möglichst lässig und heimatverbunden herüber zu kommen, hat man schnell den Eindruck, dass dies eher verbissen lässig, peinlich und mit den Klischees eines Bratwurst essenen, Bier trinkenden und Schrebergartenlauben liebenden Ruhrgebiets-Prolls geschieht. Da weiß man doch auch gleich, welchen Eindruck Andre Zalbertus und seine Mannen von den Ruhrgebietsmenschen hat. Allein das wäre ein Grund für mich, diesen Sender zu meiden, wenn ein Sender mich nicht ernst nimmt.

Am ersten Tag war die Pressesprecherin der Zeche Zollverein zu Gast, der man, als ihr eine Bratwurst angeboten wurde, ansehen konnte, dass sie mit solch einer Situation, solch einer Sendung, solch eines verkrampften Versuchs cool zu sein, sichtlich überfordert ist und man ihr gewünscht hätte, dass sie es mit einem „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ schnell hätte beenden können.

WerbungWerbung

center.tv ist ein Sender, der sich über Werbung finanziert, hierfür wird das Programm regelmäßig unterbrochen, damit der Zuschauer sich (momentan) 2 Werbespots anschauen kann. Jedesmal die beiden gleichen Spots für Uhren und Schönheits-OPs aus Düsseldorf. An dieser Werbung (bis auf die Tatsache, dass sie billig ist), ist nichts auszusetzen, da sie durch einen Bumper auch als solche gekennzeichnet ist. Ein bisschen sauer stößt es mir auf, wenn der Moderator beispielsweise mehrfach die Elektrik-Firma erwähnt, die das mobile Studio eingerichtet hat. Ich will nichts unterstellen, aber irgendwie muss ich gerade an das Ende von Andrea Kiewel denken.

MusikMusik

WDR 4 ist nicht mein Musikgeschmack. Das ist einfach so. Aber eins können die Sängerinnen und Sänger auf der WDR-Heimatwelle wenigstens eingermaßen: singen! Das fehlt den Interpreten der Lieder, die auf center.tv gespielt werden. Dort wurde wieder in cooler Lässigkeit total verkrampft entschieden, dass offenbar nur Lieder ins Programm genommen werden, die inhaltich zum Thema Ruhrgebiet passen. Da es allerdings in den letzten Dekaden recht wenig Popmusik mit Thema Ruhrgebiet gab, müssen halt schlagereske Lieder herhalten.

StadtteilportraitsStadtteilportraits

Im Programm sind Stadtteilportraits zu finden. Das sind billig produzierte „Lass uns mal irgendwas filmem aus den Stadtteilen“-Filmchen (unterlegt mit Schlagermusik). Hierbei ist es auch schön zu sehen traurig zu erleben, dass mit den oben genannten Klischees der Ruhrgebietsbürger nicht nur nicht für voll genommen wird, sondern dies noch getoppt wird, dass man sich, obwohl man sich als „Super Heimat-Sender“ (Zitat Martin Lohmann), nicht mal die Mühe macht, sich über die Städte, mit denen man sich ja ach so verbunden sieht, genau zu informieren. Es geht erstmal damit los, dass bei center.tv offenbar nicht mal der Unterschied zwischen Essener Stadtteilen und Stadtbezirken klar ist. Zum anderen fehlen teilweise auch Stadtteile in den Einblendungen/Bauchbinden der Stadtteilportraits. Bei dem Portrait des Stadtbezirks Steele/Kray fehlen in den Einblendungen beispielsweise die Stadtteile Freisenbruch, Horst und Leithe (und das, obwohl die erste Einstellung der MAZ eine Totale aus Freisenbruch zeigt).

Unwissenheit / schlechte RechercheUnwissenheit / schlechte Recherche

Wenn der Moderator völlig ahnungslos einen Gast interviewt und ihn nach den Stadtfarben und dem Stadtwappen fragt, der Moderator wissen möchte, was denn nun das Stadtwappen ist „Der Adler?“ oder „Das Schwert?“, dann finde ich, ist es ein weiteres Armutszeugnis für Moderator, sich vorher nicht informiert zu haben, für den Sender, so jemanden auf Sendung zu lassen – und ein weiterer Schlag ins Gesicht der Menschen mit denen man so verbunden ist denen man vorheuchelt, mit ihnen verbunden zu sein.

FazitFazit

Bitte nicht einschalten! Das Programm ist inhaltlich billig produziert, technisch schlecht gemacht (falsche Field-Order; für Leute, die etwas damit anfangen können) und journalistisch eine Katastrophe. Wer Nachrichten und Informationen aus der Region möchte, sollte sich auf die Lokalzeit des WDR besinnen. Auch wenn diese mit einem Riesenberg an Gebührengeldern finanziert wird; man sieht es im Ergebnis. Wer hingegen Informationen zu lokaler Kultur, Politik, zu Lokalsport oder Ereignissen sehen möchte, dem empfehle ich das Programm des Offenen Kanals Essen OK43. Dies ist ein Bürgerfernsehsender, der von Essener Bürgerinnen und Bürgern gestaltet wird. Sicherlich nicht mit den öffentlich rechtlichen oder den großen privaten Sendern vergleichbar, aber das Programm ist auf jedenfall informativer, stimmiger und professioneller als das, was center.tv zurzeit in die Kabelhaushalte liefert.

PS: Im Pottblog kommt center.tv auch nicht so gut weg

Kategorie: Fernsehen
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3 Antworten

  1. W. Arnold sagt:

    Jeder fängt mal an. Mit OK 43 bekomme ich ähnlich gemachte Infos von Essen.
    Das Ruhrgebiet besteht nicht nur aus Essen!!!
    Zeche Zollverein und Aalto Theater sind auch schön, machen aber nicht den Reiz dieser Region aus.
    Es gibt Schöneres! Einfach mal im Revier umsehen.
    Kulturhauptstadt Ruhrgerbiet!!!

  2. Markus sagt:

    Sicherlich fängt jeder mal klein an, aber wenn ich mir das Programm anschaue, dann habe ich echte Zweifel wie ernst der Zuschauer genommen wird. Zudem wurde ja von center.tv Wert darauf gelegt, möchlichst günstig zu produzieren — und das sieht man auch. Das unterscheidet vielleicht auch OK43 von center.tv, dass der Offene Kanal bestimmte Grenzen hat (durch seine Art), durch die es manchmal einfach nicht besser geht, center.tv jedoch besser könnte, aber es offenbar nicht besser will.

    Es ist mir schon klar, dass center.tv einen größeren Bereich abdeckt als OK43 (wenngleich center.tv auch nur einen Teil der Ruhrgebiets abdeckt, also in Großstädten wie Duisburg nicht zu empfangen ist, obwohl sie sich >>Ruhrgebiet<< auf die Fahne geschrieben haben… im Gegensatz zu OK43, die in erster Linie Essener Programm von, für und in Essen machen). Aber bei OK43 sehe ich eine echte Verbundenheit mit der Stadt und nicht nur dieses Geheuchel von center.tv, die sich nicht mal mit den Städten befassen, aus denen sie senden.

    Aber es ist auch nicht so, dass für OK43 nur Essen und nichts drumherum existiert. So gab es mit KULTiviert eine regelmäßige Sendung im Programm von OK43, die in Zusammenarbeit mit dem Projektbüro Kulturhauptstadt 2010 die Bewerbung begleitet hat und von zahlreichen Orten im Ruhrgebiet berichtet hat.

  3. SIDO sagt:

    Martin Lohmann soll sich endlich die Bratwurst aus dem A**** ziehen und ein bisschen lockerer werden.

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